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Warum selbstständig lernen?

 

Selbstständiges, eigenverantwortliches Lernen, innere Differenzierung, individualisierter Unterricht sind Stichworte, die die aktuelle pädagogische und bildungspolitische Debatte bestimmen – seit kurzem auch zunehmend in der Sekundarstufe I. Nachdem schon seit Jahrzehnten engagierte Lehrer in Projekten unterrichtet haben, nachdem später die jährliche Projektwoche von vielen Schülern dann als quasi zusätzliche Ferienwoche wahrgenommen wurde, in der man herrlich „chillen“ konnte, nachdem in den 80er Jahren der Glaubenskampf zwischen „Reformpädagogen“ und traditionellen Lehrern um „offenen Unterricht“ tobte,

ist das Thema „selbstständiges Lernen“ – heute entideologisiert – fast schon Mainstream geworden, seit in den Bildungs- und Rahmenplänen aller Bundesländer Formen des individualisierten, zunehmend binnendifferenzierten Unterrichts und Formen des selbstständigen Lernens als verbindlich gesetzt wurden. Veränderte Schüler


Kinder und Jugendliche von heute sind anders als früher. Über negative Entwicklungen wird in Lehrerzimmern oft geklagt: Die Schülerinnen und Schüler wüssten und könnten weniger als früher, sie könnten sich weniger konzentrieren, seien regelloser, aggressiver und weniger anstrengungsbereit als früher. Auf der anderen Seite attestieren Forschungsergebnisse Kindern und Jugendlichen von heute größeren Individualismus, der zu wachsender Heterogenität in der Klassen führt, gewachsenes Selbstvertrauen und u.a. eine Reihe „neuer“ Kompetenzen und Kenntnisse, was manchmal bereits im Grundschulalter dazu führt, dass Kinder ihren Lehrern in Kenntnissen und Verhaltensweisen überlegen sind. Mehr Informationen und Fakten hier: www.shell-jugendstudie.de

Obwohl zum Teil dramatische Veränderungen allerorten konstatiert, oft sogar beklagt werden, werden daraus noch nicht immer spürbare Konsequenzen für den Unterricht gezogen. Selbstständiges Lernen ist eine sinnvolle Möglichkeit, den veränderten Kindern und Jugendlichen besser gerecht zu werden.


Erlernen von Schlüsselqualifikationen


Die Beherrschung von Schlüsselqualifikationen wird heute ganz selbstverständlich in vielen Stellenanzeigen gefordert Ähnlich wie beim Thema Allgemeinbildung wird auch in diesem Bereich von Seiten der Wirtschaft Mangel festgestellt. In vielen Ausbildungsunternehmen steht deshalb das Thema „Nachhilfe in Sachen Schlüsselqualifikationen“ am Beginn der betrieblichen Ausbildung . Selbstständiges Lernen bietet von der Methodik her geeignete Voraussetzungen zum Erwerb eben dieser Schlüsselqualifikationen.

  1. Unerlässliche Schlüsselqualifikationen, deren Training im traditionellen Frontalunterricht zu kurz kommen, sind:

  2. Selbstständig Probleme zu lösen, statt vorgegebene Antworten auswendig zu lernen,

  3. kompetente Fragen stellen zu können, statt ausschließlich Fragen zu beantworten,

  4. der Mut, Fehler zu machen, statt diese ängstlich zu vermeiden,

  5. mit anderen erfolgreich zu kooperieren, statt sich als Einzelkämpfer abzustrampeln,

  6. mit anderen erfolgreich zu kommunizieren, statt ihnen ängstlich aus dem Weg zu gehen.

Burn Out


Selbstständiges Lernen ist ein erfolgreiches Mittel gegen Burn-Out. Bei allen gut gemachten Formen selbstständigen Lernens braucht der Lehrer zunehmend weniger als Disziplinator in Erscheinung zu treten, als derjenige, der jederzeit alle und alles im Griff hat. Und solches zu leisten (oder zu glauben, es tun zu müssen), strengt einfach sehr an. Es ist deshalb kein Wunder, dass sich viele Lehrerinnen und Lehrer spätestens ab fünfzig erschöpft, „ausgebrannt“ fühlen: Die Zahl der Frühpensionierungen spricht Bände! Doch auch die Lehrer, die weiterhin vor der Klasse stehen, bleiben in einem Teufelskreis stecken: Wie soll ein „ausgebrannter“ Lehrer seine Schüler „entflammen“, für Themen des Unterrichts begeistern? Und wer will es den dermaßen nicht-begeisterten Schülern verübeln, wenn sie gelangweilt, demotiviert und im schlimmsten Falle massiv störend reagieren?

Selbstständiges Lernen liegt deshalb nicht allein im Interesse der Lernenden, sondern genauso im Interesse der Lehrerinnen und Lehrer! Eine klassische Win-Win-Situation!


Mehr lernen


Last but not least: Alle nationalen und internationalen Untersuchungen zeigen, dass viele Ergebnisse schulischen Lernens in Deutschland unbefriedigend sind. Das nach wie vor zentrale Anliegen von Schule, das Können und Wissen von Schülern zu fördern, wird bei weitem nicht in dem Maße erreicht, wie es versucht wird. Dies allein müsste Grund genug sein, die bisherigen Wege, auf denen das Ziel erreicht werden sollte, kritisch zu hinterfragen. Nach wie vor aber heißt der am häufigsten benutzte (und deshalb allein schon ziemlich ausgetretene) Weg: Alle Schüler machen zur gleichen Zeit das Gleiche, im Unterricht redet immer nur einer, alle lernen immer dasselbe. Dass dieser Weg nicht ans Ziel führt, ist bekannt. Alternative Formen des selbstständigen Lernens eröffnen Möglichkeiten, dass Schüler mehr lernen, besser lernen, mehr behalten, mehr wissen und Gelerntes besser anwenden können.


aus:
Thomas Unruh: Mein Methoden-Portfolio - Selbstständig lernen (Lehrerheft);

AOL-Verlag 2008.