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Unterrichtsgespräche

 

Keine andere Methode wird im Unterricht so häufig verwendet wie das Unterrichtsge-spräch. Der gemeinsame Austausch, das gemeinsame Nachdenken über die Themen des Unterrichts ist immer ein Merkmal von Unterricht gewesen. Es wird auch in Zukunft wesentlicher Bestandteil eines zeitgemäßen Unterrichts sein, in dem das selbstständige Lernen – allein, mit einem Partner und in kleinen Gruppen – einen hohen Stellenwert hat und einen deutlich größeren Umfang einnimmt, als das im traditionellen Unterricht oft der Fall war.

Obwohl die Leitung und Gestaltung von Unterrichtsgesprächen zum Basis-Rüstzeug eines Lehrers gehören, lässt die Beherrschung dieses Handwerkszeugs oft zu wünschen übrig. Das empfinden auch gestandene Schulmeister so. Viele von ihnen sind mit dem Verlauf der Unterrichtsgespräche genauso unzufrieden wie ihre Schüler.


Viele Unterrichtsgespräche verlaufen unbefriedigend


Nur allzu oft verlaufen Unterrichtsgespräche folgendermaßen: Nur wenige Schüler beteiligen sich am Gespräch; viele andere träumen vor sich hin, einige beschäftigen sich mit anderen Dingen, unterhalten sich mit Mitschülern oder stören den Unterricht. Die Gespräche verlaufen zäh; ein roter Faden ist nicht zu erkennen; der Lehrer scheint auf etwas Bestimmtes hinauszuwollen, es ist aber nicht klar, was das sein könnte; das Gespräch gleicht eher einem mühsamen „Stochern im Nebel”.


Viele Unterrichtsgespräche sind eher Lehrer-Schüler-Dialoge als ein gemeinsamer Austausch der Schüler untereinander. Das liegt daran, dass die Gesprächsführung des Lehrers darin besteht, pausenlos Fragen zu stellen, die dann zumeist von einem Schüler beantwortet werden, woraufhin der Lehrer eine weitere Frage stellt usw.


Diese „Gespräche” gleichen einem Ping-Pong-Spiel und tragen in sehr hohem Maße dazu bei, dass die Schüler sich „ausklinken” und noch weniger am Gespräch beteiligen. Hier werden Fragen zu Fallen.; die Effekte sind empirisch nachgewiesen: Nicht nur das Übergewicht an Lehrerfragen im Vegleich zu Schülerfragen, sondern auch, dass sich Schüler das Fragen - die Basis für forschendes Lernen! - mehr und mehr abgewöhnen, da es als Ausdruck von Nicht-Wissen negativ konnotiert wird. Diese Paradoxie gilt es zu durchbrechen, dass die (scheinbar) Wissenden die (scheinbar) Unwissenden mit Fragen traktieren, auf die erstere die Antwort kennen, während letztere zu raten beginnen und sich einer Prüfungssituation ausgesetzt fühlen.

Häufig ähneln Unterrichtsgespräche eher einem unverbindlichen Smalltalk nach dem Motto „Gut, dass wir mal darüber gesprochen haben Ö”. Sie lassen die Ernsthaftigkeit, die Verbindlichkeit und vor allem klare Ergebnisse vermissen. Dann fragen sich die Schüler (zu Recht!): „Worüber haben wir jetzt eigentlich geredet?” Und vor allem: „Wozu haben wir eigentlich darüber geredet?”


Woran liegt’s?


Die intensivste „Ausbildung” in Sachen Gesprächsführung erhalten alle Lehrer in den 13 Jahren, in denen sie selber zur Schule gegangen sind. 13 Jahre lang konnten sie tagtäglich viele Stunden lang beobachten und verinnerlichen, wie Unterrichtsgespräche ablaufen. Nur wenige hatten dabei die Möglichkeit, professionelle Modelle zu studieren. Die Mehrheit der Lehrer hat ein „Modell” der Gesprächsführung quasi mit der Muttermilch aufgesogen, das sich durch die oben charakterisierten negativen Merkmale auszeichnet. Obwohl die meisten Lehrer diese Art von Unterrichtsgesprächen selbst als unbefriedigend erlebt haben, „sitzt” das Modell der Gesprächsführung so tief, ist geradezu eingebrannt, dass es ungeheuer schwer ist, sich davon zu lösen. Jeder andere Weg erfordert sehr viel Selbstdisziplin und genaue Vorbereitung. Ansonsten fällt man sofort in das vertraute Muster zurück – mit denselben unbefriedigenden Ergebnissen, die man schon als Schüler erlebt hat.


Das Modell des „fragend-entwickelnden Gesprächs” orientiert sich an dem humanistischen Ideal von Platons „sokratischem Dialog”, über Fragen zur Erkenntnis zu gelangen. Im Gegensatz zum Altmeister des kritischen Diskurses basieren die klassischen Lehrerfragen („Impulse”) jedoch zumeist darauf, dass der fragende Lehrer selbst schon weiß, wo es langgehen soll, statt sich fragend-zuhörend mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen – abgesehen davon, dass der echte „sokratische Dialog” ja eigentlich eine Partner- oder Kleingruppenarbeit war und sicher kein Unterrichtsgespräch Ö!


In diesem klassischen Modell der Gesprächsführung soll – so behaupten es seine Protagonisten – das Denken der Schüler in Gang gesetzt werden. Als Musterbeispiele dafür werden der „stumme Impuls” und der „kognitive Konflikt” angeführt. Beide Modelle mögen geeignet sein, fruchtbare Unterrichtsgespräche zu initiieren – wenn sie gekonnt eingesetzt werden. Doch das geschieht überaus selten! Für 99% des Unterrichtsalltags taugen sie erfahrungsgemäß nicht und tragen eher dazu bei, dass Unterrichtsgespräche – wie oben charakterisiert – unbefriedigend und zäh verlaufen. Der stumme Impuls beispielsweise ist ein sicheres Mittel, das beliebte Spiel zu initiieren: Worauf will der Lehrer wohl hinaus? Am Ende sagt er es meistens dann – gehörig frustriert – sowieso selbst Ö Die einzige Ausnahme, in der ein stummer Impuls Sinn macht, sind Situationen, in denen der Lehrer auf nichts hinauswill, sondern eine völlig offene Spur legt, in der wirklich alle Gedanken und Ideen der Schüler gefragt sind. Das Gleiche gilt übrigens für die beliebte Lehrerfrage: „Was fällt euch daran auf?”

Das „fragend-entwickelnde” Unterrichtsgespräch hat durch PISA erneut kritische Aufmerksamkeit erfahren. Manfred Prenzel, Direktor des Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) und Leiter der PISA-Erhebung 2003 in Deutschland, macht die methodische „Monokultur des Unterrichts” für das schlechte Abschneiden Deutschlands in der letzten PISA-Untersuchung verantwortlich und meint damit den „in Deutschland praktizierten fragend-entwickelnden Unterrichtsstil”. Auch Jürgen Baumert, Leiter der ersten PISA-Studien, sieht „das zentrale Problem in der Choreografie des fragend-entwickelnden Unterrichts”.


Der zweite Grund dafür, dass Unterrichtsgespräche zu häufig unbefriedigend verlaufen, ist darin zu suchen, dass die meisten Lehrer, die oft in ihrer Ausbildung mit einem wenig erfolgreichen Modell der Gesprächsführung konfrontiert wurden, nach ihrem Referendariat nie wieder die Möglichkeit haben, ihre Gesprächsführungskompetenz zu trainieren und zu professionalisieren. Das Thema kommt in der Lehrerfortbildung schlicht nicht mehr vor. Offensichtlich gehen alle davon aus, dieses sei ein klassisches Thema der Ausbildung, dort sei es „durchgenommen” und nun würde es „sitzen”. Fakt aber ist, dass sehr viele Lehrer unter ihrer mangelnden Gesprächsführungskompetenz und den unbefriedigenden Unterrichtsgesprächen leiden!


In der Fortbildung kommt das Thema allerdings in anderem Gewand daher: Einerseits als „Gesprächsführung” beispielsweise in der Beratungslehrerausbildung. Hier geht es um professionelle Beratungsgespräche und die Vermittlung der dafür erforderlichen Kompetenzen, wie das „aktive Zuhören” oder das „4-Ohren / 4-Schnäbel-Modell” von Schulz von Thun. Andererseits als „Moderationstechnik” (beispielsweise als „Metaplan-Moderation”) zur Moderation von Konferenzen, Elternabenden und auch Unterrichtsgesprächen. Die erste Form der „Gesprächsführung” berührt einen Spezialbereich und richtet sich nur an diejenigen Lehrer, die sich für besondere (Beratungs-) Aufgaben qualifizieren, die zweite Form ist in der Regel für den normalen Unterricht viel zu aufwändig und kommt deshalb dort nur selten zum Einsatz.

Dennoch sind es gerade diese beiden Zugangsweisen zum Thema „Gesprächsführung”, die bei der Entwicklung eines eigenen Modells für die Gestaltung und Leitung von ertragreichen und lebendigen Unterrichtsgesprächen Pate standen, das wir im Folgenden darstellen.


Was ist ein Unterrichtsgespräch?


Um das Thema von jeglichem ideologischen Ballast zu befreien („sokratischer Dialog” usw.) verstehen wir unter Unterrichtsgesprächen alle Situationen im Unterricht, in denen ein gemeinsamer Austausch aller Schüler stattfindet. Ihr entscheidendes Merkmal ist identisch mit ihrem primären Ziel: Möglichst viele Schüler äußern sich nacheinander zu einem bestimmten Thema. Es spricht jeweils nur einer; die anderen hören zu. Nach Möglichkeit sollten sich die Beiträge auf die Äußerungen der anderen Gesprächsteilnehmer beziehen. Letzteres ist aber kein Muss und häufig auch nicht erforderlich.


Der Terminus „Unterrichtsgespräche” erweckt vordergründig den Eindruck, es handele sich dabei um „Gespräche”, also quasi um eine Unterhaltung, eine Sache also, die jeder Mensch täglich in seinem Privatleben praktiziert. Ein Unterrichtsgespräch ist aber – ähnlich wie ein Beratungsgespräch – eine professionelle Methode, die zunächst mit den vertrauten (Privat-)„Gesprächen” gar nichts zu tun hat.


Die Planung eines Unterrichtsgesprächs


Eine sichere Methode, mit Unterrichtsgesprächen zu scheitern, eine Garantie für zähe, unverbindliche „Gespräche”, die in Ping-Pong-Lehrer-Schüler-Dialoge ausarten, besteht darin, sie unvorbereitet „spontan” entstehen zu lassen. Ein erfolgreiches Unterrichtsgespräch bedarf immer einer sehr genauen Planung und Vorbereitung – das gilt selbst für gestandene „Gesprächsführungsprofis”!

Bitte weiter lesen im Buch, u.a. zu diesen Themen:

  1. 1.Kriterien für die Formulierung geeigneter Gesprächsthemen

  2. 2.Typische und geeignete Gesprächsthemen

  3. 3.Gesprächsregeln

  4. 4.Sieben Schritte auf dem Weg zu lebendigen, ertragreichen Unterrichtsgesprächen


Thomas Unruh & Susanne Petersen: Guter Unterricht - Praxishandbuch. Handwerkszeug für Unterrichtsprofis. AOL-Verlag 2011, 11. ergänzte und überarbeitete Auflage (mit Video-DVD)