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Unterrichtseinstiege

 

Der Lehrer legt in den ersten Minuten den Grundstein für den Verlauf der Stunde: Kann in dieser Stunde etwas Wichtiges gelernt werden oder ist das Lernen bloß Selbstzweck (der Stoff ist halt „dran”)? Kann Lernen Spaß machen oder ist es eine ernste Angelegenheit, bei der Lachen verboten ist? Werden „ressourcenreiche Zustände” (NLP) bei den Lernern mobilisiert und so erfolgreiches Lernen erst möglich gemacht oder werden eher Blockaden vermittelt? Hat Lernen vor allem etwas mit Angst zu tun – mit Angst vor Fehlern und manchmal auch vor unberechenbaren Lehrern – oder mit Neugier, echten Fragen und möglichen Aha-Erlebnissen?

Deshalb muss ein guter Stundeneinstieg auch nicht immer gleich „zur Sache” kommen. Um gut lernen zu können, um viel lernen zu können, um wirklich Fortschritte zu machen, muss man erst mal in „Lernlaune” kommen! Jochen und Monika Grell nennen das etwas hochgestochen das „Auslösen positiver reziproker Affekte”, im NLP heißt es etwas genauer das Mobilisieren „ressourcenreicher Zustände”: Wie wichtig das ist, weiß jeder, der schon erfahren hat, zu welchen Höchstleitungen er oder sie im „entspannten” Zustand, z. B. im Urlaub, in der Lage ist – und wie einem genauso von einer Minute zur nächsten die Erinnerung an ein sehr unangenehmes Erlebnis nicht nur die Laune verhageln, sondern obendrein alle Kraft nehmen kann.


Literaturtipp: Joseph Oconnor, John Seymour: Neurolinguistisches Programmieren. Gelungene Kommunikation und persönliche Entfaltung; VAK-Verlag 2005, 16. Aufl.


Andererseits ist es sinnvoll, den Schülern von Anfang an klar zu sagen, worum es geht. Doch Vorsicht! Auch wer seinen Schülern sagt, was sie in der Stunde lernen können und warum das für sie wichtig oder interessant ist, darf nicht vergessen, dass das Thema des Unterrichts auch das Thema der „Kunden” werden muss! Das heißt: Der Lehrer darf seine Schüler nicht einfach „verdonnern”, sondern muss ihnen eine Problemstellung vermitteln, mit der zu beschäftigen bzw. die zu lösen sich für die Schüler wirklich lohnt. Erst, wenn das gelingt, sind die nötigen Voraussetzungen zum erfolgreichen Lernen erfüllt.


Wer seine „Kunden” wirklich erreichen will, muss am Beginn der Stunde drei Dinge berücksichtigen:

  1. 1.gute Lernlaune herstellen;

  2. 2.sagen und begründen, was Sache ist;

  3. 3.eine echte Frage zum Ausgangspunkt des Unterrichts machen.

Die traditionellen Wege des Einstiegs sind heute wenig wirksam, häufig wirken sie geradezu kontraproduktiv:


Die klassische Motivationsphase: Wer Schüler zum Lernen locken, verführen, „motivieren” will, signalisiert ihnen damit deutlich: Das, worum es hier eigentlich gehen soll, ist unangenehm, schwierig, lästig. Deshalb musst du, lieber Schüler, abgelenkt, überlistet werden, damit du nicht merkst, dass die „Stoff-Pille”, die du schlucken musst, bitter ist.


Wir glauben, dass „Stoff” zwar sicherlich oft anstrengend und mühsam ist, manchmal auch wirklich bitter. Trotzdem sollten Schüler lernen, dass Lernen oft mühsam, aber echtes Lernen fast immer spannend ist und dass es sich lohnt, die Mühe auf sich zu nehmen! Allerdings sind viele Schüler von der „Motivationspädagogik” dermaßen verdorben, dass sie erst mühsam wieder lernen müssen, dass die Lerngegenstände selbst genügend Motivationskraft besitzen. Deshalb ist es überflüssig und schädlich, um den heißen Brei herumzureden, statt ganz einfach und ohne künstliche Schnörkel zu sagen, was im Unterricht Thema ist! Darüber hinaus ist es in Zeiten von professionellem Infotainment (angefangen von der „Sendung mit der Maus” bis hin zu interaktiven Lernprogrammen auf CD-ROM und im Internet) und von unzähligen Gameshows im Fernsehen wirklich unrealistisch zu glauben, dagegen könne ein Lehrer mit seinem bestenfalls bemühten „Motivationszirkus” ankommen.


Die klassische Erarbeitungsphase: Auch sie beruht auf einem nur schwer auszurottenden Gerücht: Dass echtes Lernen nur dann geschehe, wenn die Schüler alles, was sie lernen sollen, quasi selbst herausfinden. Dieses Modell taugt aber nur so lange, wie es prinzipiell möglich ist, die Sache selbst herauszufinden. Es gibt eine Reihe von Themen, bei denen es sinnvoll ist, zunächst begründete Hypothesen zu formulieren, um diese anschließend zu überprüfen oder durch Sachinformationen zu klären. Es gibt aber wesentlich mehr Unterrichtssituationen, in denen es nicht sinnvoll und ganz oft schlicht unmöglich ist, die Sache durch Nachdenken, Spekulieren oder Hypothesenbildung selbst zu erschließen. In diesen Fällen kommt es dann zu jenen den Schülern wohl vertrauten Ratesituationen, in denen mühsam im Nebel herumgestochert wird und in denen es irgendwann nur noch um die eine Frage geht: Worauf will der Lehrer bloß hinaus – und warum sagt er es uns nicht einfach?!

Mehr im Buch u.a. zu diesen Themen:


  1. 1.Wie kann man gute Lernlaune schaffen?

  2. 2.Wie kann man sagen, was Sache ist?

  3. 3.Wie macht man eine Frage zum Ausgangspunkt des Unterrichts?


Thomas Unruh & Susanne Petersen: Guter Unterricht - Praxishandbuch. Handwerkszeug für Unterrichtsprofis. AOL-Verlag 2011, 11. ergänzte und überarbeitete Auflage (mit Video-DVD)