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Zum erzieherischen Einfluss von Lehrern

 

Vor dem Hintergrund spürbar veränderter Kinder und Jugendlicher, die zu einem immer größer werdenden Teil aus „unvollständigen” oder „Patchwork”-Familien kommen, aus sogenannten „bildungsfernen“ Elternhäusern und die in wachsender Zahl über erhebliche sprachliche Defizite verfügen, egal ob mit oder ohne „Migrationshintergrund“, sieht sich die Schule mit drängenden erzieherischen Fragen konfrontiert.


Immer weniger Erziehung zu Hause


Viele Lehrkräfte registrieren deutlich, dass die Eltern von heute weniger als Erzieher fungieren. So stehen in den wenigsten Familien den Kindern (und Jugendlichen!) nach der Schule noch Eltern zur Verfügung, die Zeit, Muße und Interesse haben, sich den Sorgen, aktuellen Themen und Erlebnissen ihrer Kinder zu widmen.

Welche Möglichkeiten haben Lehrer, „erzieherischen Einfluss” auszuüben?


Mehr dazu im Buch:


Thomas Unruh & Susanne Petersen: Guter Unterricht - Handwerkszeug für Unterrichtsprofis. AOL-Verlag 2011, 11. Auflage.

Das betrifft vollständige Familien genauso wie allein erziehende Eltern oder Patchwork-Familien, in denen neben Vater oder Mutter noch ein neuer Lebensgefährte der Eltern „mitmischt”.  Väter spielen nach wie vor auch in vielen „vollständigen” Familien als Spiel- und Gesprächspartner eine eher geringe Rolle. Die vielen Eltern, die nicht die notwendige Zeit und Muße aufbringen, sich intensiv ihren Kindern zu widmen, suchen nach schnellen (Not-)Lösungen: Die meistverbreitete, schnellste „Lösung” besteht nach wie vor darin, die Kinder vor den Fernseher (oder ein Video- bzw. Computerspiel) zu setzen. Damit werden die Kinder scheinbar ruhig- und „zufrieden”-gestellt und auch die Eltern haben (erst mal) Ruhe, sich um ihre Sachen zu kümmern. Das schlechte Gewissen, das Eltern dabei haben, „beruhigen” sie immer häufiger durch materielle Verwöhnung. Schlimmer noch: Viele Kinder sind zu Hause einem erzieherischen Wechselbad von Zuckerbrot und Peitsche ausgesetzt. Gestresste Eltern sagen heute „hüh” und morgen „hott”. Sie schwanken zwischen Stressreaktionen, sie schimpfen und brüllen aus heiterem Himmel, um im nächsten Moment fast alles zu tolerieren oder ihre Kinder mit Mitbringseln und Geschenken zu überraschen. Kein Wunder, wenn Kinder unsicher und orientierungslos werden! Ihnen fehlen vor allem Verlässlichkeit und klare Regeln, oft fehlen ihnen Vorbilder, an denen sie sich reiben können und müssen.


Der „erzieherische Einfluss” von Erwachsenen wird oft überschätzt


Lehrer wehren oft die an sie gestellten Erwartungen als „Ersatz-Erzieher” ab, weil sie darin eine Forderung sehen, der sie nicht gerecht werden können.  Andererseits überschätzen gerade Pädagogen häufig ihren erzieherischen Einfluss. Das liegt vermutlich daran, dass Lehrer damit ihren Wunsch, gebraucht zu werden und wichtig zu sein, unbewusst bedienen und damit auch die emotionale Abhängigkeit der Kinder eher fördern, als deren Selbstvertrauen und Selbstständigkeit auszubauen.


Tatsächlich zeigen Untersuchungen (siehe Judith Rich Harris: Ist Erziehung sinnlos?; Rowohlt 2002 / Hubert Wißkirchen: Die heimlichen Erzieher; Kösel 2002), dass der Einfluss der Peergroup, also der Gleichaltrigen, der Freunde, der Klassenkameraden, spätestens ab der Vorpubertät den der erwachsenen Erzieher weit überragt und sogar schon im Kindesalter feststellbar ist. Weil in der Phase der Pubertät zusätzlich der Wunsch (und die Notwendigkeit) nach Abgrenzung zur Erwachsenenwelt hinzu kommt, schwinden die erzieherischen Einflussmöglichkeiten von Eltern und Lehrern weiter. Die Orientierung an „Peers“ ist in den letzten Jahren eher weiter gewachsen, seit soziale Online-Netzwerke („Web 2.0“) eine immer stärkere Bedeutung im Leben von Jugendlichen haben.


Gerade in dieser Phase gewinnen die – mehr oder weniger „heimlichen” – Miterzieher also wachsende Bedeutung, schwinden die Einflussmöglichkeiten der Erwachsenen. Ihre Versuche, bei aktuellen Trends der Jugendkultur, Fragen des Konsums, der „richtigen” Marke, der angesagten TV-„Formate”, Filme, Stars, Musik, Video- und Computerspiele mitzureden und erzieherisch tätig zu sein, werden von den Jugendlichen oft nur mit einem müden Lächeln quittiert, wirken wenig authentisch, oft bloß bemüht und wenig informiert. Für Jugendliche sind die Bemühungen, ihre Themen und Interessen pädagogisch zu „hinterfragen“ meistens nur lächerlich. Bewirkt wird damit zumeist das Gegenteil dessen, was erzieherisch beabsichtigt wurde. Besonders unglaubwürdig wird der pädagogische Zeigefinger von Eltern und Lehrern, die eine „kritische Haltung“ gegenüber bestimmten Fernsehformaten, Videospielen, Filmen und dem Web 2.0 einfordern und gleichzeitig pädagogisch „Wertvolles“ anpreisen („ein gutes Buch“!), wenn die erwachsenen Kritiker das Kritisierte gar nicht wirklich kennen oder von den kritisierten Themen oder Gegenständen selbst keine oder wenig Ahnung haben. Das gilt in besonderer Weise für den Umgang mit dem Computer oder dem Internet und hier vor allen den sozialen Netzwerken.